Bericht von Florenz Schaffner aus Lesbos

Dienstag, 26.1.2016

Heute war mein erster voller Arbeitstag im Lighthouse Camp auf Lesbos. Trotz eisiger Kälte sind heute allein im Uferabschnitt, den wir im 24 Stunden Betrieb betreuen, 7 übervolle Boote angekommen. Die Erstversorgung besteht aus der Abgabe von Tee, Suppe, Brot und trockener, warmer Kleidung. Viele Flüchtlinge sind unterkühlt und werden im Aufwärmzelt von Spezialisten behandelt. Zum Team gehören auch immer 2 Notärzte/Notärztinnen. Die Crew von Lighthouse arbeitet sehr unaufgeregt und effizient. Besonders traurig macht uns alle immer noch das kleine, zweijährige Mädchen, das eine Kollegin, nicht weit vom Camp entfernt, tot am Strand gefunden hat.
Mittwoch, 27.1.2016
Die EU fordert Griechenland ultimativ dazu auf, Ihre Grenzen besser zu schützen. Wie soll denn das geschehen? Bei klarem Wetter wie heute können wir von unserem Lighthouse Camp aus die Siluette der türkischen Küste sehen. Von dort sind auch heute wieder Boote auf Lesbos gelandet. Wie sollen die Griechen einen Grenzübertritt auf hoher See verhindern? Einen Zaun ins Meer stellen oder auf die Flüchtlinge schiessen? Wenn schon, dann machen die Türken ihren Job schlecht. Sie wollen oder können das menschenverachtende Schlepperwesen nicht unterbinden, obwohl sie dafür von der EU viel Geld bekommen.

Donnerstag, 28.1.2016

Danke für all Eure Einträge, guten Wünsche und Gedanken. Etwas möchte ich relativieren: die wahren Helden sind nicht wir Volunteers. Es sind die Menschen, die sich entscheiden müssen, ihre Heimat zu verlassen. Auf der Flucht leiden sie unsäglich und riskieren ihr Leben. Sie tun es in der Hoffnung darauf, eine bessere, friedlichere und gerechtere Welt zu finden. Nach der Erstversorgung weicht aus vielen Gesichtern die Angst und Verstörtheit. Eine junge Mutter aus Pakistan hat mir heute morgen beim Einsteigen in den Bus des UNHCR gesagt: "you are so nice people in Europe". Ich wünsche ihr ganz fest, dass sie nicht schon bald ganz andere Erfahrungen machen muss.